Rezension zur Vortragsreihe "Friedensethik"

Schulleiter Andreas Päßler, Kuratoriumsvorsitzende Michaela von Heereman, Freifrau Sophie von Bechtolsheim, Justus Kötting, Stellvertretender Schulleiter Manfred Linder. Fotos: Gabriel Lehmann Q1
Pater Klaus Mertens am 21.04.2026 zum Thema: „Was ist der Friede Christi, den die Welt nicht geben kann?
General a.D. Josef Blotz (2ter v.l.) am 28.04.2026. Er sprach zu Thema: „Soldat und Christ – Wie passt das zusammen? Foto: Beate Wangelin
(v.l.)Justus Kötting als Moderator des Abends, Stellvertretender Schulleiter Manfred Linder, Kuratoriumsvorsitzende Michaela von Heereman, Prof. Dr. Schallenberg, Schulleiter Andreas Päßler. Foto:B.Wangelin
Karl Theodor zu Guttenberg am 03.06.2026 mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe. Foto: Dahlia Hartlieb
Ein familiäres Treffen: Frau von Heereman und K.T. zu Guttenberg

Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt

Gedanken zum Dilemma der christlichen Friedensethik im Nachgang der Vortragsreihe am St.-Bernhard-Gymnasium 2026

von Stefan M. Strucken

Lehrer für Philosophie

Im Grunde habe es nur einen Christen gegeben, doch der sei am Kreuz gestorben, befindet der Philosoph Friedrich Nietzsche und konstatiert: ein Leben, wie der Gekreuzigte zu leben, sei dennoch möglich, es bedeute aber nicht nur ein Tun, sondern auch ein Vieles-nicht-Tun – und vor allem ein Anders-Sein. Ist dieses christliche Anders-Sein noch zeitgemäß? Kann man die christlichen Werte angesichts einer Welt, die aus den Fugen, noch aufrechterhalten? Sind die radikalen Ansprüche des unbedingten Verzichts auf Gewalt und der Feindesliebe vor Gewalttätern, die Gewaltverzicht als Schwäche und Empathie als Makel deuten, nicht eine Kapitulation? 

Diesen Fragen zur christlichen Friedensethik, welche die Bedingung seiner Gründung vor 80 Jahren als demokratische Institution und Fundament seiner Existenz als christliche Bekenntnis-Schule darstellen, ging das St.-Bernhard-Gymnasium in einer exzellent besetzten Vortragsreihe nach. Was ist nun unter dem Begriff der christlichen Friedensethik zu verstehen, die – nach Nietzsche, freilich kein Freund des Christentums, – so anders ist, dass selbst ihr Begründer sie als nicht von dieser Welt apostrophiert? 

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen“ (Mt. 5,9), wird in der Bergpredigt der Überlieferung des Matthäus zugespitzt. Was das bedeutet, konkretisiert sich an anderen Stellen: Friedfertig zu sein, sei es, dem, der dich auf eine Wange schlage, auch die andere hinzuhalten, und dem der deinen Mantel wolle, auch das Hemd zu lassen (Lk. 6, 29). Und, als wäre das noch nicht genug: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5, 44). Dies sind indes maximale Forderungen und erklären womöglich, warum Nietzsche, der durchaus eine hohe Meinung von der Überwindung zum Außergewöhnlichen, Übermenschlichen – zum Idealen – hegt, die Nachfolge Christi so spärlich sieht. Ein Ideal bezeichnet kein So-Sein, sondern schlechterdings ein So-sein-Sollen und legte man es unerreichbar aus, so wäre es ein beständiger Impetus für ein Immer-besser-werden-Müssen. Niemand kann sich infolgedessen je für einen guten Christen halten oder für sich in Anspruch nehmen, alles Mögliche getan oder gelassen oder, nun, anders getan zu haben. Wie gehen also die Christen damit um, nie erreicht zu haben, ja, nie erreichen zu können, was gefordert? Entschuldigt sie diese Unerreichbarkeit nicht, angesichts der neuen Weltordnung, die das Wort Ordnung nur aus Gewohnheit zu haben scheint?

Der Sozialethiker Wilhelm Korff, Mitglied und späterer Leiter der Görres-Gesellschaft, einer der ältesten deutschen Wissenschaftsvereinigungen, die es sich zum Auftrag macht, Wissenschaft und katholischen Glauben zu vereinen, urteilt in seinem Handbuchder christlichen Ethik: „Jede Einengung christlichen Friedensverständnisses auf ein rein religiös-metaphysisches Verständnis beraubt dieses zugleich seiner ursprünglichen Wahrheit“ (Korff). Wir lassen diesen Satz zunächst stehen und wenden uns konkret den Inhalten der Vorträge und den Vortragenden zu:

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, in Claus Schenk Graf von Stauffenberg einen frühen Kindheitshelden sieht, einen der wenigen Leuchttürme der Gesinnung in Anstand, Gewissen und Moral in dunklen Zeiten, der konnte nur ergriffen sein von den Erzählungen seiner Enkelin, der Historikerin Sophie Freifrau von Bechtolsheim, die stets zwischen der nüchternen historischen Analyse und der familiären Anekdote das Gleichgewicht hielt. Und unwillkürlich musste man an jenen Dr. B. aus Stefan Zweigs Schachnovelle denken, der sich – um sich gegen die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Isolations-Folter mit den Mitteln des Geistes zu wappnen – ein Schachspiel aus Brotresten und einer karierten Bettdecke konstruiert, als die aus Zigarettenschachteln erstellten Patience-Karten der Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg von der Enkelin gezeigt wurden. Sie stellte heraus, es sei das Abkommen der Eheleute gewesen, dass einer von beiden um der Kinder willen überleben müsste, weshalb die Ehefrau, Mutter und – ein Sieg über den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten – Großmutter diese in der Haft erstellte, um in der erzwungenen Einsamkeit nicht dem Wahnsinn zu verfallen. So war niemand berufener als die Enkelin, über das Für und Wider und mehr als nur moralische Dilemma nachzudenken, das sie „Vermächtnis“ nannte und welches als Erbe nicht nur ihre Familie präge. 

Dass von Bechtolsheim zudem die Nichte von Freifrau Michaela von Heereman ist, der Vorsitzenden des für die Vorträge verantwortlichen Kuratoriums, die zusammen mit ihrem Mann alle Reden in erster Reihe mitverfolgte, einleitete und begleitete, war einer der vielen glücklichen Umstände, die die Exzellenz der Lesungen, die kenntnisreich und engagiert von Philosoph Justus Kötting moderiert wurden, ausmachten. 

Denn auch die übrigen Vortragenden pflegen eine enge Beziehung zu Frau von Heereman, die daher große Namen und vielfältige Expertenstimmen zu den Feierlichkeiten versammeln konnte: Pater Klaus Mertens fragte nach dem Frieden Christi, der so gar nicht von dieser Welt zu sein scheint, General a.D. Josef Blotz wies auf das vermeintliche Dilemma hin, das sich ihm und anderen als Soldat und Christ stellt, Prof. Schallenberg spürte der Frage nach der Möglichkeit eines gerechten Kriegs nach und Karl Theodor zu Guttenberg analysierte die Auswirkungen der neuen Welt(un)ordnung auf die jungen Generationen, das Klientel einer Schule. Vielleicht könnte man sich angesichts dieser Vielzahl an Experten allein über die Männerlastigkeit wundern, aber möglicherweise waren die angefragten Referentinnen schlicht damit beschäftigt, christlich zu handeln, als über christliches Handeln zu reden. Aber wer weiß das schon?

Tenor der Vorträge, wenn man sie denn zusammenfassen will, waren die Vorrangstellung des eigenen Gewissens zum einen und zum anderen die Eingebundenheit des moralischen Subjekts in das Weltgeschehen. So legte Blotz etwa dezidiert dar, welche strategischen, politischen und völkerrechtlichen Überlegungen ihn dazu verleitet haben, den Beruf des Soldaten zu wählen – obwohl Schulleiter Andreas Päßler zuvor ausdrücklich darum bat, seinen Schülerinnen und Schülern, die mitunter vor der Frage stehen, sich zum freiwilligen Wehrdienst zu melden, Argumente an die Hand zu geben, die gegen den Dienst an der Waffe sprächen. Hier sprach sicherlich der Pädagoge aus dem Wunsch des Schulleiters. Sein Aufruf stellt jedoch auch die katholische Lehrmeinung dar, die sich nach 1945 Schritt für Schritt vom Konzept des auf Kirchenvater Augustinus und Kirchenlehrer Tommaso d’Aquino zurückzuführenden bellum iustum abgewendet hat. So heißt es folgerichtig in der ersten Enzyklika Magnifica humanitas des amtierenden Papstes, es breite sich eine „Kultur der Macht“ (a.a.O.) aus, in der Krieg im öffentlichen Diskurs als legitimes Mittel der Politik rehabilitiert werde, ein Klima des „politischen Realismus“ (ebd.). Denn auch Schallenberg befand, dass die Geschichte gezeigt habe, dass Menschen zu Aggression und Krieg neigten, wohl um eine Sinnhaftigkeit ihrer Existenz auszudrücken, und es daher berechtigte Gründe für einen Abwehr-Krieg gebe, so er denn von einer übergeordneten politischen Instanz legitimiert, dazu berufen, größeres Unrecht zu verhindern und nicht aus unsittlichen Motiven, wie etwa der territorialen Vergrößerung, entspringe. Radikaler Pazifismus sei zwar ideal, führe aber zu einem Verschwinden in der realen Welt – was er an den Amish belegte – , weshalb die Politik noch keine bessere Antwort als Krieg auf Krieg gefunden habe. Martens verlagerte das Verzeihen, das Grundlage einer friedlichen Ko-Existenz ist, in ebendiese ideale Sphäre und verlangte dies nicht notwendig vom Menschen, wenn es seine Kräfte überstiege – ungeachtet des Appells des Vaterunsers, den Schuldigern zu vergeben, oder des Gleichnisses vom unbarmherzigen Knecht (Mt. 18, 23-35), der nicht bereit ist, selbst eine kleine Schuld zu erlassen, obwohl sein Herr ihm eine ungleich größere erlassen hatte. Wie passen diese Aussagen nun zum oben angeführten Urteil von Korff, der die fundamentale Wahrheit der christlichen Ethik gerade in seiner Transzendenz und damit Welt-Abgehobenheit sieht? 

Niemand wird bezweifeln können, dass es juristisches und moralisches Recht war, den Tyrannen Hitler zu beseitigen zu suchen, um seine Gewaltherrschaft und einen verheerenden Krieg zu beenden, um somit das Leben Millionen Unschuldiger zu retten. Niemand wird gleichfalls bezweifeln können, dass Kriege – es genügt als Exempel der Krieg der Alliierten gegen Hitler-Deutschland – gerechtfertigt sein können, ja mitunter verpflichtend sind. Aber: christlich ist diese Rechtfertigung nicht zu nennen. Es sind, wie das oben angeführte Urteil des Papstes über den politischen Realismus nahelegt, pragmatische Gründe, rationale Gründe, realistische Gründe – aber sie entsprechen nicht dem Ideal des Christentums. Ein Stauffenberg mag Christ gewesen sein, doch es erscheint zweifelhaft, ob er seine Entscheidung traf, weil er Christ war oder obwohl er Christ war, ob nicht etwa die Vaterlandsliebe größer als die Feindesliebe oder die Tugend der Ritterlichkeit größer als die Tugend der Friedfertigkeit. Wie gesagt: man kann sich den Vortragenden in allen Punkten anschließen – allein der Schritt, dies wahrhaft christlich zu nennen, fällt schwer. Was verlöre das Christentum denn an tieferer Wahrheit, wie Korff sagt, wenn das Über-dem-Seienden nicht mehr das Seiende überstiege, wenn also die Realität vom Ideal entbunden würde? 

Nun, das Christentum wäre eine Ethik wie viele andere. Konsequentialistisch, wenn es um die Folgen, tugendethisch, wenn es um die Redlichkeit des Verhaltens, situationsethisch, wenn es um die Kontexte der Handlung ginge. 

Ist es menschen-möglich, christlich zu handeln? Nein, aber das Ideal bezeichnete ja auch lediglich die Richtung des Handelns und nicht sein zu erreichendes Ziel. Nah an dieses kam vielleicht der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines Widerstands gegen das nationalsozialistische Unrechts-Regime von diesem hingerichtet wurde. Er sagte: 

„So sind sie Stifter göttlichen Friedens mitten in einer Welt des Hasses und Krieges. Nirgends aber wird ihr Friede größer sein als dort, wo sie den Bösen im Frieden begegnen und von ihnen zu leiden bereit sind“ (Bonhoeffer).